Foto: Iris Imb
Vor 100 Jahren wurden in Wien - Siehe Foto - und Wagram Straßen nach Varnhagen benannt.
...zum 5./6. Juli 1809
Vor 200 Jahren erlitten die Österreicher bei Deutsch-Wagram eine Niederlage gegen die Truppen Napoleons.

Wagram ist eine nördlich von Wien gelegene Kleinstadt im Marchfeld. Nach einem kurzen weiteren Gefecht bei Znaim schloss Erzherzog Karl einen Waffenstillstand und wurde deshalb von Kaiser Franz I. als Oberbefehlshaber entlassen. Österreich musste am 14. Oktober 1809 den Frieden von Schönbrunn schließen, der die Verheiratung der Kaisertochter an Napoleon mit sich brachte.

Karl August Varnhagen, der fern von seiner geliebten Rahel als mittelloser Student in Tübingen lebte, nahm an dieser Schlacht als Freiwilliger im Regiment Vogelsang teil. Er hatte sich in einer schwierigen Lebenslage entschlossen, in den Krieg gegen die verhassten Besatzer zu ziehen und sich notfalls in der Schlacht "eine Kugel zu suchen", wie er an Rahel schrieb.
Für Varnhagen wurde dieses Ereignis zu einer Lebenswende: von einer Schussverletzung rasch genesen, sorgte er mit seinen medizinischen
Kenntnissen dafür, daß eine falsche Behandlung seines erkrankten Obersten Graf Wilhelm von Bentheim abgebrochen und dieser rasch geheilt wurde. Varnhagen wurde in der Folgezeit der Adjutant und Vertraute des Grafen, reiste mit ihm nach Prag, Töplitz und Paris, wo er an einer Audienz bei
Napoleon teilnahm, trat schließlich in russische Dienste und nahm mit einer Kosakenarmee unter Oberst Tettenborn an den Freiheitskriegen des Jahres 1813/14 teil.

Auszug aus Varnhagens Denkwürdigkeiten des eignen Lebens:
"Der Kaiser Napoleon indes sah mit Ungeduld den Tag unentschieden hingehen, er glaubte den Hauptschlag noch heute ausführen zu können, und wollte nicht umsonst sein Übergewicht hierher gewendet haben. Rasch ordnete er seine Truppen zum Sturm... Der französische General Dupas führte den Angriff mit
aller Kraft; es erhob sich ein scharfer Kampf, man wechselte Gewehrfeuer in größter Nähe, man erhob die Kolben und legte das Bajonett ein. Der feindliche Stoß auf unsern linken Flügel war jedoch zu heftig, als daß die schwache Linie hätte widerstehen können, sie wurde gesprengt, die äußersten Enden schlugen sich in Haken um, und die Regimenter Argenteau, Vogelsang und ein Teil von Erzherzog Rainer sahen sich auf das zweite Treffen zurückgeworfen. Im ersten Anstürmen des Feindes traf mich ein Schuß durch
den Oberschenkel, und ich konnte von nun an nur müßiger Zeuge der ferneren Vorgänge sein, welche das Schlachtfeld darbot. Die Verwirrung war eine Zeit
lang sehr groß, und konnte schlimme Folgen haben."

Aus seinem Brief vom 20. Juli 1809:
"Als ich den Schuß in den Schenkel erhielt, fühlte ich zuerst nur einen harten Schlag, der mich durchfuhr; ich sah aber gleich, indem ich den Rockschoß weghob, zwei Rinnen Blut hervorquillen, die Kugel war durch und durch gegangen. Hier galt aber kein Besinnen, das Regiment, vom Feinde auf dem linken Flügel lebhaft angegriffen, wich dort eilig zurück, und bald war
auch der rechte Flügel in die Flucht mit fortgerissen. Ich mußte die letzte Kraft anstrengen, um nicht zurückzubleiben. Zwei Soldaten faßten mich unter
den Armen, und halb gehoben, halb auftretend, kam ich bis rückwärts unserer Lagerhütten. Viele Kanonenkugeln sausten über uns hin, eine so dicht, daß mein einer Führer zu Boden stürzte: unverwundet, wie es schien; der andere brachte mich noch etwa hundert Schritte weiter, kehrte dann aber zum Gefecht
zurück, das unterdessen wieder zum Stehen gekommen war. [...] Einige Verwundete, die herankamen, konnten mir Hülfe bieten, ein Soldat trug mich sogar eine Strecke, bis wir einen zerschossenen Pulverwagen trafen, der leer zur Reserve fuhr. Auf diesen setzte man mich, und nun ging's in der
Abendkühle langsam fort, eine ganze Schar Verwundeter schleppte sich mit,
bald nahmen Winseln und Klagen überhand, das Schüttern des Wagens verursachte mir großen Schmerz, das Blut, welches anfangs reichlich
geflossen war und sich im Stiefel angehäuft hatte, stockte jetzt, und Schenkel und Knie wurden kalt und starr; ich litt, gleich den Andern, an schrecklichem Durst, und auch die Nachtkälte wurde sehr schmerzlich. [...] Seit einigen Tagen erhol' ich mich merklich, bin muntern Geistes und frischer Hoffnung. Nur darf ich mich nicht regen, und mit Kunst und Mühe hab' ich es dahin gebracht, daß ich mich etwas aufrichten und auf einem vorgelegten Brette schreiben kann; zuerst meinte der Arzt, es sei geradezu
toll, daß ich schreiben wolle, da er aber sah, wie heftig mein Wunsch und wie jeden Tag mein Befinden besser sei, so ließ er es endlich zu. Seitdem sind die kurzen Viertelstunden, die ich für euch, geliebte Freunde, an diese Blätter wende, die glücklichsten des Tages, die mich für viele lange Stunden der Öde und Ungeduld trösten müssen." Napoleons Feldbett aus der Schlacht von Wagram ist derzeit in einer Ausstellung in Philadelphia, USA zu sehen:

In Wagram selbst wird eine Wanderausstellung "200 Jahre Schlacht bei Wagram" im Marchfeldkanalgebäude (Franz Mair-Straße 47) gezeigt. Außerdem wird in Österreich eine Sonderbriefmarke herausgegeben.
http://www.deutsch-wagram.gv.at

Varnhagen Gesellschaft, Juli 2009