Eine deutsche Gärtnerstadt

[...] Erfurt, die Gartenstadt, deren Erzeugnisse schon im 12. Jahrhundert berühmt waren, ist neuerdings in der Gärtnerei geworden, was Leipzig für den Buchhandel ist. Obschon in Erfurt viele Leute wohnen und bedeutende Gewerbethätigkeit herrscht, so meint man doch, es könnten dort nur Soldaten und Gärtner wohnen. In der That treiben auch ungemein viele Gärtner dort ihr "blühendes" Geschäftdenn außer den zahlreichen "Kunst- und Handelsgärtnern", welche im großen handeln und Kataloge ausgeben, gibt es noch eine Menge kleinerer, welche gewisse Samen und Pflanzen für die größeren ziehen, außerdem auch Dilettanten, welche ihre Erzeugnisse verwerthen. Ueberhaupt haben die letzteren in Erfurt einen großen Spielraum und es sind mehre ansehnliche Geschäfte von Dilettanten gegründet worden, denn die Gärtnerei war in Erfurt wie überhaupt in Deutschland nie zünftig. Wir finden daher selbst auf den Dörfern bei Erfurt Samenzucht, sogar im Garten des Schullehrers, ja, wie wir uns aus früherer Zeit erinnern, sogar einen Kirchhof als Blumengarten eingerichtet und jedes Grab mit einer gewissen Blumensorte geschmückt, gewiß eine sinnige, schöne Verwerthung der Todtenstätte. Ueberhaupt hat sich die eigenthümliche Handelsgärtnerei Erfurts weiter über Thüringen hinaus verbreitet und hat namentlich in Arnstadt ein sehr beachtenswerthes Filial bekommen.
Die vom Gärtnereibetrieb in Erfurt selbst eingenommene Fläche beträgt (nach der "Statistik des zollvereinten und nördlichen Deutschlands" von Herrn Viebahn, II. Bd.) er 2000 Morgen, das für die eigentliche Handelsgärtnerei verwendete nach der neuesten Aufnahme 547 Erfurter Acker (1 A = 183 R. 49 F.). Die benutzte Glasfläche der Gewächshäuser und Beete beträgt 240,000 Quadratfuß, wovon nur ein kleiner Theil auf Gemüsebau mit Ausnahme des Blumenkohlsamenbaus kommt. Der Pflanzen- und Samenhandel Erfurts beruht fast ganz auf auswärtigem Verkehr und in vielen großen Gärtnereien kann man nicht einmal einen Blumenstrauß zu kaufen bekommen. Zu diesem Zwecke werden 300,000 oft buchstarke Preisverzeichnisse ausgegeben, außer den zahlreichen Specialofferten in fliegenden Blättern. Unter diesen Katalogen sind (ach der angegebenen Quelle) 50,000 Engroskataloge, 2000 besonders für England und Amerika berechnete, andere ausschließlich für die österreichischen Staaten. Die Druckkosten dafür betragen 10,000 Thlr., das Porto nach Verhältniß der Kataloge ist oft hoch, da die meisten Entfernungen ins Geld gehen. Hierbei gedenken wir einiger anderer Posten des Betriebs, welche um so wichtiger in volkswirthschaftlicher Beziehung sind, als dadurch arme Leute beschäftigt werden. Die erfurter Gärtner brauchen jährlich etwa für 10,000 Thlr. Papiersäcke und Kapseln, welche größtentheils in Alsfeld an der Werra und Umgegend gefertigt werden, außer den Massen von Papier, welche das Verpacken der Samen erfordert. Da fast alle Namen auf den Kapseln gedruckt und oft Culturangaben hinzugefügt werden, so gibt dies nochmals der Druckerei Beschäftigung.
Wie viele Kisten und Körbe zum Verpacken gebraucht werden, geht ins unglaubliche, erstere besonders für die Arbeiten von trockenen Blumen. Die Körbe werden nur von armen Leuten der Umgegend, Kisten im Thüringer Walde gefertigt. Dort haben auch zahlreiche Familien ihren Winterverdienst durch die Anfertigung der hölzernen Pflanzenetiketten und Blumenstäbe, deren Verbrauch sehr bedeutend ist, und durch Versendung dieser Holzwaaren durch die erfurter Gärtner, besonders nach England, noch übertroffen wird. In Erfurt bezahlten wir für solche kleine Holzwaaren an jene armen Hochthäler in der Nähe des Schneekopfs durchschnittlich 6500 Thlr. jährlich. Wir wollen hierbei auch der Blumentöpfe gedenken, indem von der Anfertigung dieser zerbrechlichen Waare mehre von Töpfern bewohnte Ortschaften am Fuße des Thüringer Waldes beschäftigt werden. Die Production einzelner Blumen, den Verkehr in einzelnen Artikeln besprechen, erlaubt uns dieser Ort nicht, doch können wir nicht unterlassen, die Production an guten Levkoiensamen, welcher nur in bedeckten Töpfen auf bedeckten Gestellen gezogen wird, anzugeben. Man bepflanzt hierzu alljährlich etwa 600,000 sechszollige Töpfe mit ungefähr 3,600,000 Levkoienpflanzen (nach Siebahn's Statistik), welche in einer Reihe aufgestellt, eine Linie von 10 Meilen bilden würden. Unter diesen Pflanzen sind etwa nur eine halbe Million einfache oder Samenpflanzen, von welchen, je nach Umständen, 600-1200 Pfund besten Samens geerntet werden. Bedenkt man, wie viele Samen auf ein Pfund gehen, so kann man die Hände berechnen, welche dazu gehören, diese Massen der einzelnen Samen zu zählen und je 100-500 Korn einzeln zu verpacken, denn es wird verhältnißmäßig wenig nach dem Gewicht (das Loth zu 1 1/2-2 Thlr.) verkauft, letzteres vorzüglich nach dem Auslande.
Umd en Lesern ein Bild von einer erfurter Handelsgärtnerei zu geben, greifen wir unter den renommirtesten diejenige heraus, über welche wir etwas specielleres erfahren konnten und eine Abbildung zur Verfügung hatten, und zwar um so lieber, als der Betrieb derselben besonders für den Dilettanten berechnet ist. Während nämlich einige Geschäfte Erfurts große Glashäuser mit seltenen Pflanzen aller Art haben, andere nur Samenbau im ausgedehntesten Maßstabe, führt die Gärtnerei von *F. C. Heinemann* neben bedeutendem Samenbau fast nur Modeblumen und solche, welche sich zur Ausschmückung der Blumengärten, Blumenfenstern und Zimmer eignen, immer das Neueste führend und alljährlich einzelne, besonders schöne Pflanzen, dabei auch manche vergessene alte Schönheit bevorzugt und in Masse verbreitet. Durch eine solche Selbstbeschränkung bringt es diese Gärtnerei aber in den gewählten Specialitäten zu einer seltenen Vollkommenheit und zu einer staunenswerthen Massenproduction, sowie fabelhaftem Absatz einzelner Blumenarten. Dieser Geschäftsrichtung gemäß sind auch die Kataloge eingerichtet. So finden wir in dem neuesten Hauptkatalog, sowie in Zeitungsbeilagen, "Pflanzen- und Samenausstattungssortimente" für Blumengärtner zu bestimmten Preisen, Sortimente für Gärten jeder Größe, genau nach Bedarf berechnet, durch solche Einrichtungen wird dem Blumenfreund viele Zeit und Mühe sowie die Auswahlverlegenheit erspart. Ebenso sind alle Katalogsartikel geordnet. Ueberhaupt zeichnet sich der Heinemann'sche Katalog durch Eleganz, Handlichkeit und Uebersichtlichkeit aus, enthält instructive Abbildungen und Culturanweisungen, sowie Darstellung neuer Pflanzen und Obstarten in oft sehr gelungenen Abbildungen. Als Beispiel praktischer Einrichtung erwähnen wir den Commentar zu den Astern im Verzeichniß 1863, indem er jede der vielen Sorten genau nach Blume, Wuchs, Höhe etc. beschreibt, sodaß jeder die ihm zusagenden leicht herausfindet. Gleiche Bemerkungen finden wir über die Levkoien, Nelken etc. Es würde uns zu weit führen, auch nur die wichtigeren Culturen dieser Gärtnerei zu berühren, und wir erwähnen nur als ihr eigenthümlich die herrlichen Fuchsien-Kronenbäumchen von 5-6 Fuß Höhe, von denen in einem Frühjahr viele Hunderte knospend in alle Welt versandt werden, desgleichen Ampeln. Das Nelkensortiment, welches aus den besten Sammlungen Europas gebildet worden ist, die vielen Fuchsien, Rosen, das reiche Weinrebensortiment, die den Obstbäumen bestimmten Obstsortiments sind nicht weniger als alle übrigen Modeblumen, als: Verbenen, Heliotrop etc. ständig vertreten. [...]

Illustrirte Zeitung Bd. 44, Nr. 1132 v. 11. 3. 1865, S. 169f.